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Reden von Pfarrer Huhn, gehalten am 25.03.2013

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Wie versprochen werden wir hier nach und nach weitere Infos von unserem Warnstreik veröffentlichen. Eines der Highlights war Zweifels ohne die Rede von Pfarrer Huhn an den Abschlusskundgebung auf dem Bismarkplatz. Sie ist so gelungen, dass wir jedem unserer Leser nur wärmstens empfehlen können sie in aller Ruhe durchzulesen:

Copyright: Helmut-Roos@web.de

Copyright: Helmut-Roos@web.de

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich spreche zu Ihnen, zu Euch, als Pfarrer der badischen Landeskirche, als ehemaliger Industrie- und Sozialpfarrer in Nordbaden. Und zuerst muss ich Euch sagen: Ich bewundere Euren Einsatz und Euer Engagement. Sehr früh heute Morgen seid Ihr aufgestanden und wart die ganze Zeit in der Kälte auf den Beinen. Nur wer aufsteht, ist gerüstet, für seine Würde einzustehen. Nur wer aufsteht, geht dann auch den aufrechten Gang.

Ich gratuliere Euch, dass Ihr aufgestanden sein, denn ein Streik – in dieser Situation – ist harte Arbeit.

Vor zweieinhalb Jahren hat unser oberstes Kirchengremium, die Synode der Evangelischen Kirche, in Magdeburg zum wiederholten Male beschlossen, dass Streik in Kirche und Diakonie nicht sein soll. Sie betrachten den Dritten Weg als das kirchengemäße Arbeitsrechtsregelungsverfahren und sie wollen ihn fortsetzen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es ist ein Armutszeugnis für Kirche und Diakonie, dass sie sich nun vom obersten deutschen Arbeitsgericht eines Besseren belehren lassen müssen. Das Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom November letzten Jahres hat Kirche und Diakonie daran erinnern müssen, was in einer Demokratie üblich ist. Es ist wirklich eine Schande für Kirche und Diakonie, dass sie sich von einem Gericht erklären lassen müssen, welchen Stellenwert Menschenrechte in unserem Land haben.

 Mit Eurem heutigen Warnstreik nehmen Sie, nehmt Ihr, genau dieses Menschenrecht wahr, das im Grundgesetz garantiert ist. Eure Forderung ist, dass Arbeitsbedingungen und Einkommen vergleichbar sind mit anderen Einrichtungen in der Region.

Im Grunde fordert Ihr damit das, was die diakonischen Arbeitgeber selbst einmal formuliert haben. In einer Denkschrift zur Diakonie haben sie geschrieben: „Fairer Wettbewerb ist nur möglich, wenn die Eintrittsbedingungen für alle Anbieter gleich sind.“

Diesen Satz hat die Stadtmission Heidelberg offenbar total verdrängt oder vergessen. Sonst hätte sie die Verhandlungen zu einem neuen Tarifvertrag nicht ablehnen können. Denn sie hat ja selber die Tarife abgesenkt. Niemand hat sie dazu gezwungen. Und darum müssen wir heute die diakonischen Arbeitgeber an ihre eigenen Aussprüche erinnern.

Ja, die Situation ist pervers: Unsere Gesellschaft hält Milliarden Euro bereit, um die Zocker an den Spieltischen des Finanzkapitalismus zu retten. Aber für eine anständige und faire Bezahlung von Krankenschwestern, Pflegern und Altenpflegerinnen fehlt angeblich das Geld. Unsere Kirche setzt sich ständig ein für Gerechtigkeit weltweit. Warum lässt sie es aber zu, dass hier in unserem Land Outsourcing stattfindet, Leiharbeit Platz greift, neue Anstellungsformen wie Werkverträge und Übungsleiterpauschalen eingeführt werden, nur um Sozialbeiträge ohne Ende zu sparen und damit die Spaltung von Armut und Reichtum zu vertiefen?

Darum: Die Forderung nach besseren Arbeitsbedingungen und fairem Einkommen sind berechtigt und gut begründet. Und ich füge hinzu: Nicht erst im Himmelreich, sondern hier auf Erden müssen sie umgesetzt werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, was Ihr heute hier praktiziert, das ist eine lebendige Dienstgemeinschaft im besten Sinne des Wortes: Das Einstehen füreinander – unabhängig von Position und Stellung – in gelebter Solidarität. Denn Dienstgemeinschaft lässt sich nicht als Ideologie von oben verordnen. Dienstgemeinschaft bedeutet Achtsamkeit untereinander und gemeinsames Eintreten für gute Arbeit.

Und darum sage ich: Der Dritte Weg der kirchlichen Arbeitsrechtsregelung ist mausetot. Und jegliche künstliche Beatmung sollte sofort eingestellt werden. Was wir brauchen, das sind Verhandlungen, bei denen sich die Tarifpartner auf Augenhöhe begegnen können. Dafür hat der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt das Konzept „Tarifvertrag plus“ entwickelt. Es bedeutet: Branchentarifverträge plus diakonische Unternehmenskultur. Nur so macht auch die Rede von der Dienstgemeinschaft überhaupt wieder Sinn.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, treten wir gemeinsam dafür ein, dass die Schwachen nicht schwach bleiben und die Abhängigen nicht abhängig.

Treten wir ein für einen Tarifvertrag, für gute Arbeitsbedingungen und faire Einkommen!

 

2 Kommentare

  1. Anonymous sagt

    Eine echt gelungene Rede! Am besten gefällt mir dieser Teil:

    “Liebe Kolleginnen und Kollegen, was Ihr heute hier praktiziert, das ist eine lebendige Dienstgemeinschaft im besten Sinne des Wortes: Das Einstehen füreinander – unabhängig von Position und Stellung – in gelebter Solidarität. Denn Dienstgemeinschaft lässt sich nicht als Ideologie von oben verordnen. Dienstgemeinschaft bedeutet Achtsamkeit untereinander und gemeinsames Eintreten für gute Arbeit.”

    Der 25.03.2013 war gelebte Dienstgemeinschaft!!!

  2. Pingback: Flugblatt Nr. 6 (April 2013) | Betriebsgruppe-Stadtmission.de

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